Dicke Pillen?

Welche Patrone für afrikanisches Großwild?

Elefant im Guruwe Distrikt, ZimbabweIn den letzten Jahren ist ein Trend zu immer stärkeren Großwild-Patronen festzustellen, der einerseits zu einem Wiederaufleben klassischer Patronen wie .500 Jeffery oder .600 NE oder aber zu Neuschöpfungen wie z.B. .585 Nyati und Patronen von verschiedenen Kleinherstellern wie z.B. A-Square oder Dakota führte. Viele Büchsenmacher haben sich auch auf diesen Trend eingestellt und bieten entsprechende Waffen an. Eine Jagdbüchse im Kaliber .50 BMG oder eine 4bore Elefantenbüchse für Nitropulver ist aber m.W. bisher nicht im Angebot. Da viele dieser Kaliber in der Fachpresse besprochen werden, aber nur wenige dieser Büchsen tatsächlich ernsthaft bei der Jagd in Afrika eingesetzt werden, soll hier die Eignung dieser und anderer Patronen für die Jagd unter heutigen Bedingungen beleuchtet werden. Zuvor einige Bemerkungen zum Gewicht und Rückstoss der Waffe.

Gewicht der Waffe:

Im Gegensatz zu den früheren klassischen Safaris, die über mehrere Monate gingen und mit einer großen Anzahl von Trägern durchgeführt wurden, muß der Gastjäger heute mit seinem Team (prof. Hunter, Tracker, Hilfstracker) oft bis zu 6 Stunden Fußpirsch bei ungewohnt hohen Temperaturen machen, dabei die Waffe selbst tragen und bei entsprechendem Anblick in der Lage sein, den Schuß sicher anzubringen. Bei der Kürze heutiger Jagdreisen hat man auch nicht beliebig viele Chancen und nicht viel Zeit für Nachsuchen, sodass der Schuss das Wild möglichst auf der Stelle bannen sollte. Diese Umstände geben ein Limit für das Gewicht der Waffe vor. Wenn ein Journalist schreibt: eine Waffe von nahezu 7 kg "ist immer noch führig und keinesfalls zu schwer", so mag das für einen Schwerathleten zutreffen, aber auch für den konditionierten, meist etwas älteren 80 kg schweren Durchschnittseuropäer sind wohl eher 4,5 kg Waffengewicht zu empfehlen. Viele Büchsen für die neuen Monsterkaliber scheiden also aus diesem Grunde schon aus.

Rückstoß:

In diesem Zusammenhang sind einige Bemerkungen zur Handhabung des Rückstoßes angebracht. Die Schießausbildung, wenn ein Jäger überhaupt eine erfahren hat, ist durchweg nicht geeignet, mit dem Rückstoß angemessen umzugehen. Die Rückstoßenergie und Geschwindigkeit, häufig bei vergleichenden Berichten angegeben, sind nicht die entscheidenden Kenngrößen, sondern die Rückstoßbeschleunigung. Diese Rückstoßbeschleunigung wird als "Kick" oder "Schlag" empfunden. Deshalb muß diese verteilt werden über die Zeit  ("Rückstoßweg") und die auffangende Fläche. Nur einige Stichworte: Lockere Haltung, kein "Einziehen" der Waffe und verkrampfte Muskelanspannung, sondern erst während des Rückstoßes die Muskeln anspannen und den Rückstoß auffangen. (Durch festes Einziehen die Gesamtmasse zu erhöhen ist theoretisch nur richtig, wenn der Körper des Schützen aus Beton wäre.) Viel Rücklaufweg und Fläche einer absorbierenden Schaftkappe helfen hier. Derartige Schaftkappen (Triple Mag von Pachmayr) wirken sehr effektiv, sind aber bei deutschen Fabrikanten wegen der Optik nicht üblich. Zusätzliche Absorber (Kickstop) bringen zusätzliches Gewicht. Mündungsbremsen sind im afrikanischen Busch grundsätzlich zu vermeiden wegen der Gefahr von Hörschäden der übrigen Teilnehmer. Die oben genannten Maßnahmen machen aber den Rückstoß einer großkalibrigen Büchse beherrschbar. Grundsätzlich: Lieber ein kleineres Kaliber sicher beherrschen, als mit dicken Pillen zu mucken.

Einsatzzweck:

Nicht von ungefähr hat die .416 Rigby eine sehr gute Reputation als Afrika-Patrone, da sie eine gute Eignung für Antilopen auch auf größere Entfernungen aufweist, andererseits aber auch für Großwild einschließlich Elefant sehr gute Resultate lieferte. Die auch für gängige Büchsen geeignete modernere .416 RemMag mit gleicher ballistischer Leistung ist daher eine Patrone, die eigentlich die erste Wahl für den Gastjäger sein müßte.

Es sollte bekannt sein, dass nichts eine gute Platzierung des Schusses ersetzen kann.

Wozu also noch größere Kaliber? Man ist allerdings etwas mehr auf der sicheren Seite, wenn man unter sonst gleichen Bedingungen mehr Energie in die vitalen Zonen des Wildes bringen kann. In der Praxis ist dies aber nur bei Büffel, Hippo und Elefant von Bedeutung. Bei allem anderen, meist schwächeren Wild sind die .375 und .416 völlig ausreichend, allerdings sollte man bei der Geschoßauswahl große Sorgfalt walten lassen. Mit guten modernen Deformationsgeschossen ist dann eigentlich auch die Patrone für den Büffel kein Thema mehr. Bleibt für unsere Betrachtung also nur der Schuß auf den Elefanten, zumal der professionelle Elefantenjäger Tony Sanchez Arino die .500 Jeffery als den idealen Elefantenstopper bezeichnet.

Elefantenstopper:

Man kann Elefanten mit sehr schwachen Patronen töten, wie z.B. bei "culling" Operationen mit der .308 Win oder Angreifender Elefant, Click!der 7,65 x 39 Kalaschnikow durch Schüsse in Lunge oder Herz durch die relativ weiche Hautfalte hinter den Vordersäulen. Hier sollen aber nur Patronen für die sportliche waidgerechte Jagd betrachtet werden, die in jedem Falle, z. B. auch bei einem frontalen Angriff, geeignet sind, den Elefanten durch Schüsse auf das Haupt sicher nieder zu bringen.

Die Auswertung von Jagdberichten ist oft nicht sehr ergiebig, weil Misserfolge aufgrund unzureichender Patronenleistung nur im Zusammenhang mit spektakulären Situationen berichtet werden. Immerhin gibt es mehrere Berichte über das Versagen der .600 NE und der .700 NE bei frontalen Schüssen auf das Elefantenhaupt und viele kritische Berichte über die .458 WinMag. Auch mit zu schwach geladenen 500 N.E. wurden äußerst schlecht Ergebnisse bei einer Elefantenjagd berichtet. Dagegen sei an die unzähligen Abschüsse von Elefanten des "Kajamoro Bell" mit der 7x57 erinnert, was heute so unwahrscheinlich klingt, dass selbst Professionals diese Berichte abfällig kommentieren.

Doch was ist nun die ideale Patrone? Nachdem 1886 die 8x50R Lebel und 1890 die 7x57 Mauser als erste moderne Nitro-Hochgeschwindigkeitspatronen eine Revolution einläuteten, gab es zwei Entwicklungslinien auf dem Gebiet der Jagdpatronen für Großwild: Einmal wurden die alten Schwarzpulverpatronen mit Nitropulver (Cordite) geladen und versucht, die Energie durch Geschossmasse zu erhöhen, zum anderen wurden neue, relativ kleinkalibrige Patronen wie z.B. .375 H&H entwickelt und ein Energiezuwachs über die Geschossgeschwindigkeit erreicht. Diese beiden Entwicklungsrichtungen haben sich bis heute erhalten. ( z.B. .700 NE und .416 Weatherby ).

Weitere Ausführungen zur Elefantenjagd im englischen Teil: Click

Wirkung der Geschosse:

Eine grundsätzliche Bemerkung: Nicht ein Kaliber oder eine Patrone wirkt im Wildkörper, sondern ein bestimmtes Geschoss mit einer gegebenen Geschwindigkeit und damit festgelegtem Energieinhalt, gleichgültig, aus welcher Hülse verschossen. Letztere dient dazu, die gewünschte Geschwindigkeit zu erreichen und sie muss erst betrachtet werden mit Hinblick auf eine ausreichende Vo bei zulässigen Drücken, evtl. sich ergebendem Rückstoß und die Anforderungen an die Konstruktion der Waffen.

Die Wirkung eines nicht deformierenden Geschosses, auch Vollmantel oder Solid genannt, (nur solche sollen im Folgenden hauptsächlich betrachtet werden) im Wildkörper beruht neben einer rein mechanischen Zerstörung bei Knochentreffern auf einer Zerstörung des Gewebes durch mechanische Effekte wie Zerschneiden und Zerreissen und Zerstörungen, die die hydraulische Druckwelle beim Durchgang durch das Gewebe längs des Schusskanals über die temporäre Wundhöhle erzeugt hat. Die abgegebene Energie und damit der Durchmesser des Kanals zerstörten Gewebes hängt ab von dem Durchmesser des Geschosses und von dessen Geschwindigkeit bzw. seinem Energieinhalt. Große Durchmesser und damit große Massen eines Geschosses bei relativ geringer Geschwindigkeit sind ebenso wenig effizient wie sehr kleine Durchmesser bei sehr hoher Geschwindigkeit.

Unter erfahrenen Berufsjägern hat sich über Jahrzehnte die Meinung herausgebildet, dass eine wirkungsvolle Großwildpatrone eine ideale Mündungsgeschwindigkeit von ca. 2400 f/s ( 730 m/s ) für die schwereren Standardgeschosse haben sollte. Das hängt damit zusammen, dass es nicht genügt, eine große Energie in den äußeren Teilen des Gewebes zu applizieren, sondern dass eine möglichst große Energieabgabe über die ganze im Wildkörper zurückgelegte Strecke realisiert werden muss. Die an einer bestimmten Stelle im Wildkörper abgegebene Energie ist proportional zur noch im Geschoss vorhandenen! Im Grenzfall ist ein Durchschuss mit etwas Energieverlust wirksamer als ein Steckschuss, der nur eine Körperhälfte ernsthaft verletzt hat. Leider ist die Energieabgabe am größten kurz nach dem Eindringen des Geschosses in den Wildkörper. Deshalb ist eine gute Penetration ebenso wichtig wie der Energieinhalt.

Während auch moderne Teilmantelgeschosse mit einem aufpilzenden oder gar splitternden Geschosskopf ihre Energie nach relativ kurzen Wegen im Wildkörper abgegeben haben und bei größerem Wild selten Ausschuss ergeben, sind die modernen Vollgeschosse aus weichem Kupfer in ihrer Deformation so kontrolliert, das der relativ wenig erweiterte Geschosskopf zwar einen im Durchmesser geringfügig kleineren permanenten Wundkanal erzeugt, dieser aber über eine wesentlich größere Strecke zur Entfaltung kommt. Diese in der Tiefe noch relativ große Energieabgabe trifft wirkungsvoller die vitalen Zonen und hat so zu der guten Reputation dieser Geschosse geführt. (BarnesX, Reichenberg HDB, GPA u.a.) Auch der im Folgenden beschriebene SuperPenetrator, ursprünglich nur für sehr grosses Wild entwickelt, hat durch seine spezielle Kopfform den gleichen Effekt und zeigt z.B. auf Antilopen eine erstaunliche Wirkung. Ein anderes Konzept eines Vollgeschosses macht sich die Instabiltät von Geschossen mit schlanker Spitze zu Nutze. Bei angepasster Form dreht sich nach wenigen cm das Geschoss um 180° und fliegt Heck voran durch das Wild. Während der Drehung wird eine große Energieabgabe erreicht. Es besteht allerdings die Gefahr der Ablenkung durch Kräfte, die während der Drehung auf das Geschoss wirken.

Patronen sehr hoher Energie, die nicht genügend Energie im Zentrum des Elefantenschädels abgeben, sind deshalb problematisch (.600 und .700 NE). Dagegen sind Schüsse mit Patronen hoher Energie und hoher Penetration auch noch tödlich, wenn das Gehirn nicht direkt getroffen wurde. Da viele Elefanten mit dicken Pillen geringer Eindringtiefe bejagt werden, hat sich die Praxis herausgebildet, nach dem ersten Schuß mit "knock down" Effekt sofort hinzulaufen und einen finalen Herzschuß anzubringen. Oft genug sind die Tiere auch wieder hoch gekommen und auf nimmer Wiedersehen verschwunden. Als Beispiel für eine gute Energieabgabe hat sich die .416 Rigby etabliert, die die o.g. Forderung (2400 f/s) erfüllt. Wenn man nun eine Patrone mit größerer Energie anwenden will, sollte man möglichst unter Beibehaltung der Vo von 2400 f/s das Kaliber bzw. die Masse des Geschosses erhöhen. Als praktische Vergleichsgröße hat sich der Penetration Index nach Alphin*) bewährt, der sowohl die Beobachtungen in der Praxis gut widerspiegelt als auch Versuche zur Penetration in Simulantien gut beschreibt. Für Teilmantelgeschosse ist dieser Penetration Index natürlich keine sinnvolle Größe. Bei der Analyse der Daten fällt auf, dass für einen hohen Penetration Index eine Querschnittsbelastung SD von mindestens 0.3 erforderlich ist. Die Verwendung überschwerer Geschosse mit einer SD größer als 0.35 ist aus praktischen Gründen meist nicht möglich. (Druck in der Waffe, Instabilität bei normalem Drall, Geschoß wirkt dann wie ein Teilmantel bei geringer Eindringtiefe). In der Tabelle sind die wichtigsten Patronen mit aktuellen Messungen aufgenommen, einige Werte sind Prospektangaben entnommen. Dabei ist zu beachten, dass einige der alten Patronen aus der Zeit um die Jahrhundertwende heute herstellerseitig sehr schwach geladen angeboten werden, um Probleme mit alten Waffen zu vermeiden. Wiedergeladen können diese Patronen in modernen Büchsen ein weit höheres Ranking erreichen.(z.B. .404 Jeffery). Überhaupt ist das herstellerseitige Angebot von Patronen oberhalb des Kalibers .375 H&H sehr begrenzt, sodass in den meisten Fällen erst eine selbst geladene Patrone die Möglichkeiten voll ausschöpfen kann.

Schlussbetrachtung:

Bueffel im Matetsi Safarigebiet

Die Tabelle enthält in der fünften Spalte den in der Praxis erreichbaren Penetration-Index.  Weil die Eindringtiefe eines Geschosses sehr von seiner Form ( Spitze ) abhängt, gelten die Werte nur für ähnliche Geschossformen und sind nur für einen relativen Vergleich geeignet. (-mehr-) Der PI bei einer "Idealgeschwindigkeit" von 2400 f/s (730 m/s) für Geschosse mit einer SD größer als 0.3 liegt immer über 100! Eine vorläufige Bewertung ergibt, dass die am meisten kritisierten Patronen einen PI unter 90 aufweisen und ein PI von 100 meistens die Erwartungen hinsichtlich Penetration erfüllt. Patronen mit einem PI von 110 bis 120 sind wohl auf der sicheren Seite, während Werte oberhalb 130 eine absolute Spitzengruppe darstellen. Patronen mit Werten unter 70 sind für den Schuß auf den Elefantenschädel absolut ungeeignet ( z. B. 500 N.E. Geschoss 570 gr mit 1900 f/s).

Man sieht auch, dass die 7x57 bei guter Schussplatzierung durchaus eine brauchbare Elefantenpatrone darstellte. Für die heutige Elefantenjagd sind die kleineren Kaliber aber nicht geeignet, u.a. weil es keine entsprechenden Vollmantelgeschosse gibt. Auch die 9,3x62 ist eine passable Grosswildpatrone auf Basis einer Normalhülse.

Als "all round" Patronen für die "one rifle safari" sind die Patronen .375 H&H (evtl. mit einem etwas schwereren Geschoss oder etwas strammer geladen), die .416 RemMag und die .458 lang improved (Lott, Watts, Ackley) besonders geeignet, weil, basierend auf der H&H Gürtelhülse, Munition und Büchsen für diese Kaliber sehr preisgünstig zu erwerben bzw. herzustellen sind. Sie gehören zu der Gruppe mit maximalen Penetration Index und bieten auch die Möglichkeit, rasante Laborierungen für die plains game Jagd zu verwenden. (Vgl. ".458 Lott, Ballistik"). In teueren Spezialbüchsen sind natürlich auch Patronen mit dickeren Hülsen eine gute Wahl. ( z.B. .450 Dakota, .460 Weatherby, .460 A-Square u.a.).

Die verbesserte .458 Lott bietet reichlich Energie und eine sehr große Auswahl an Geschossen. Noch stärkere Patronen mit ausreichendem oder gar gleichem PI erfordern unnötig schwere und teure Waffen und haben nur eine beschränkte Auswahl an Geschossen. Eine rasante leichte Laborierung ist meist nicht realisierbar.

*) A.B.Alphin, Any Shot You Want, On Target Press 1996

HOME